Der Sexappeal des Reisens

Und warum niemand über ranzige Hostelduschen, anstrengende Busfahrten, lange Warteschlangen und überteuerte Eintritte spricht.

Ich hab das Gefühl aktuell gibt es nicht viele Aktivitäten, die den Sexappeal des Reisens übertreffen. Leute brüsten sich mit ihren Reisezielen. Je weiter, kultiger, größer und teurer, desto besser.

„Und wo geht’s für dich diesen Sommer hin? Also ich fliege nach Bali, da war ich zwar schon 2 mal, aber dieses Jahr will ich noch einen Abstecher nach Singapur machen, soll man auch mal gesehen haben, hab ich gehört.“

Ist man dann am Urlaubsort angekommen wird über social media gleich jedem Bescheid gegeben, wie unglaublich toll doch das Hotel ist, wie paradiesisch der Strand und wie lecker das Essen. Auch die, die eigentlich nicht gefragt haben, werden über instagram stories ganz sicher davon erfahren, was für einen Traumurlaub man gerade verbringt.

Die Spitze des Eisberges sind die, die dort bleiben. Die Backpacker. Coole, abgehärtete und autarke Personen, der Freiheit so nah wie kein anderer, rastlos und so lebendig. Wie romantisch das doch von außen wirkt. Das ganze Leben eine Reise. Wenn man denn nur, dann würde man das ja auch direkt machen.

Und die, die unterdes daheim sitzen, in einem überteuerten WG Zimmer in einer Stadt, die schon zu unrecht als viel zu langweilig und spießig abgestempelt wurde, fühlen sich schlecht. Draußen ist der Himmel grau, wahrscheinlich regnet es sogar, und das Hirn scheint einem geradewegs entgegen zu schreien: Was machst du da? Warum bist du nicht auf Bali? Du hast so ein verdammt langweiliges Leben.

Dass man vielleicht letzten Monat selbst um die halbe Welt gereist ist, kann man in solchen Momenten schon auch mal vergessen.

Okay, genug der Ironie. Ich reise selbst viel und gerne. Und ich mache Instagram Stories. Zuhause bemühe ich mich inspirierenden content zu zeigen, aber im Urlaub? Da kommt es mir dann manchmal genau so vor, wie ich es beschrieben habe. Aus inspirierendem content wird: Schaut her schaut her, ich bin im Urlaub und erlebe zahlreiche tolle Dinge.

Dabei ist es ja nicht so, als gäbe es nicht auch aus dem Urlaub Schlechtes zu berichten. Klar gibt es das. Auch im Urlaub ist nicht alles immer super. Urlaube sind anstrengend und teuer und an manchen Tagen klappt nichts so, wie man es sich vorgestellt hat.

Und was ist mit den Backpackern? Davon mal abgesehen, dass ich es niemals aushalten würde ein halbes Jahr oder gar länger aus einem Rucksack zu leben, ohne home base, ohne eigenes Bett und ohne smoothie Mixer (klingt sehr nach dem klischee white girl, geb ich zu)… Also davon mal ganz abgesehen, hab ich Backpacker kennengelernt und durfte mal hinter die Kulissen schauen. Und siehe da: auch die Reise eines Backpackers finanziert sich nicht von selbst. Und wenn nicht Papi dafür aufkommt, dann muss der ach so freiheitsliebende Rucksacktourist eben doch arbeiten, bleibt in einer Stadt hängen und versumpft für mehrere Monate in ein und demselben ranzigen Hostelbett in einem 8er Zimmer in einer Kleinstadt Australiens (wahre Begebenheit).

Die Wahrheit ist: Reisen ist nicht der Superlativ des Lebens. Halt, ich möchte nicht ganz so absolut klingen. Die Wahrheit ist: Reisen ist nicht für jeden der Superlativ des Lebens. Ich frage mich manchmal, wie attraktiv das Reisen denn wäre, wenn es eben nicht so trendig wäre. Wenn es nicht cool wäre. Stellen wir uns doch mal vor, jeder wäre plötzlich super öko (Bitte verurteile meine Idee jetzt nicht sofort, das ist nur sinnbildlich gemeint) und es wäre total verpönt zu fliegen. Wie viele Leute würden dann noch um den Globus jetten? Hm. Ich glaube eben einfach, dass Reisen zum Trend geworden ist und man unbemerkt mitmachen muss, um eben mitzumachen. Ob man das Reisen wirklich so gerne mag, fragt man sich schließlich kaum. Reisen ist einfach toll, was gibt’s daran nicht zu mögen.

Ich habe für mich zum Beispiel entschieden nach der Schule kein Auslands Irgendwas zu machen, sondern direkt mit dem Studieren anzufangen. Klingt vielleicht langweilig. Wars aber gar nicht. Es war einfach genau das was ICH wollte.

Manchmal bewundere ich Leute, die gar nicht wegfahren. Sie scheinen einfach zufrieden mit dem Ort zu sein, an dem sie leben. Das muss ganz schön entspannt sein. Ganz so weit wird es bei mir nicht kommen. Trotzdem stehe ich zu mir. Ich bin kein Dauer-Reisender. Ich mag Reisen, aber ich mags auch zuhause. Ich mag meinen Alltag, mein Studium, mein überteuertes WG Zimmer und meinen green smoothie am Morgen. Und ich freue mich nach jeder Reise wieder dorthin zurückzukehren. Zu meiner home base.

In diesem Sinne: Eine Ode an die home base! Reisen ist nicht der Superlativ des Lebens, auch wenn es manchmal so scheint.

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